BEITRAG VON FLORIAN REITER

SIND WIR ZUM LAUFEN GEBOREN?

SIND WIR ZUM LAUFEN GEBOREN?

Eine fast vergessene Evolutionsgeschichte

Kommen wir zurück an den Anfang. Laufen war für unsere Entwicklung und das Überleben notwendig. Das spiegelt unsere Anatomie wider. Als was begreifen wir es heute? Ist Laufen gesund? Ist es ein moderner Sport oder vielmehr ein Teil des Menschseins und so selbstverständlich wie Essen, Trinken und Schlafen?

Die Meinungen sind kontrovers. Während die einen meinen, Laufen sei schädlich für die Gelenke und Bandscheiben und führe zu starken Stoßbelastungen, für die unser Körper nicht gemacht sei, halten die anderen dagegen: Laufen könne jede*r und ist gesund. Sozusagen ein sportliches Allheilmittel. Und am besten sei es, barfuß zu laufen. Um die Positionen näher betrachten zu können, gehen wir ein Stück weit zurück.

2009, als ich mit der Physiotherapie-Ausbildung anfing, war ich bereits ein begeisterter Läufer. Das Laufen war schon immer ein Teil von mir. In der Ausbildung lernte ich, wie unser Körper funktioniert. Anatomie und Physiologie, Muskeln, Sehen, Bänder und Gelenke. Wie greift alles ineinander, um als System zu funktionieren. Für mich war es unglaublich spannend, Laufen aus diesem Blickwinkel begreifen zu können.

Einige Jahre später fiel mir Daniel E. Liebermanns Buch „Unser Körper: Geschichte, Gegenwart, Zukunft“ in die Hände. Der Evolutionsbiologe an der Universität Harvard beschreibt unsere heutige Anatomie und Physiologie als Ergebnis von sieben Millionen Jahren Evolution. Und das Laufen als wichtige Basis für den heutigen Körperbau des Menschen. Gehen und Laufen waren überlebenswichtige Strategien in der Entwicklungsgeschichte. In Millionen von Jahren haben wir uns in der Verbundenheit mit der Natur an ihre Gegebenheiten angepasst und zu dem entwickelt, was wir heute sind. Mit Liebermanns Buch wurde mir die Tiefe des Themas bewusst. Hinter dem Laufen steckt ein absolut genialer Entwicklungsprozess.

Sind wir also geborene Läufer? Liebermann beschreibt das sehr gut. Die Genetik von Mensch und Schimpanse ist sehr ähnlich. Aber während ein Schimpanse beim Gehen und Laufen deutlich mehr Energie benötigt, verbraucht er beim Klettern kaum welche. Kraxeln wir hingegen einen Baum hoch, ist das im Moment wesentlich anstrengender, als ein Spaziergang oder ein kurzer Sprint.

Zum Bewegen gemacht

Ich nehme dich mit in den Aufbau unseres Körpers. Beginnen wir ganz unten. Der Fuß besteht aus einem Längs- und Quergewölbe. Wir haben kurze, parallel ausgerichtete Zehen. Es ist faszinierend, was in den Füßen passiert. Sie sind natürliche Stoßdämpfer. Ein System, das man so nie nachbauen könnte und kein Laufschuh mitübernehmen kann. Wir haben einen großen stabilen Fersenknochen, der absolut für Bewegung ausgelegt ist. Die Achillessehne dient hervorragend der Kraftübertragung. Wie ein Gummiband – zuerst auf Zug gebracht – gibt es ohne viel Kraftaufwand Energie wieder frei. Ein geniales Konzept, das wir speziell beim Bergauflaufen brauchen können. Sprung-, Knie- und Hüftgelenk sind im Lot. Und dann die Gesäßmuskeln. In einem Lauftraining sagte Wim Luijpers, Autor des Bestsellers „Gentle Running“, der große Gesäßmuskel sei unser größtes Kapital. Ganz einfach, weil er der muskelfaserreichste Muskel im Körper ist. Und was tun wir, fragte uns Luijpers, wir sitzen die meiste Zeit auf unserem Kapital.

Die s-förmige Krümmung der Wirbelsäule ist ein weiterer genialer Dämpfmechanismus. Der Schultergürtel, der breiter als die Taille ist, hält die dynamische Stabilität beim Laufen. Das gegengleiche Armpendeln stabilisiert genauso. Es ist die Überkreuzkoordination – rechtes Bein, linker Arm, linker Arm, rechtes Bein – die Stabilität ins Laufen bringt. Wir sind ja nicht wie ein Kamel im Passlauf unterwegs. Und dann ist da noch ein kleines unscheinbares Band bei der Halswirbelsäule. Das Nackenband. Seine Aufgabe begreift man, wenn man an ein Schwein denkt, das über die Wiese läuft. Der Schädel des Schweins bewegt sich im Laufen von links nach rechts. Das wäre für uns unpraktisch und genau darum stabilisiert das Nackenband den Kopf in der Bewegung. Apropos Stabilität. Unser Kopf ist so ausgerichtet, dass er durch seine Form und Größe stabilisiert. Entscheidend ist auch, dass wir schwitzen. Die vielen Schweißdrüsen und die Körperbehaarung, die im Vergleich zum Tier gering ist, sind ein geniales Kühlungssystem.

Der Mensch ist, so könnte man sagen, zum Laufen entwickelt. Und doch hat sich unsere Lebensweise drastisch geändert. Aber in Relation zu den Millionen Jahren Evolution sind die letzten Tausend Jahre nur Millisekunden. Das Programm und die Vorrausetzungen haben wir noch. Unser Körper ist ein Bewegungs- und kein Sitzapparat. Ja, unser Körper ist zum Bewegen gemacht. Laufen ist uns, mit Ausnahmen, allen gegeben.

Laufen formte die menschliche Evolution. Die Arbeits- und Lebenskultur ließ es zum Ausgleich werden. Die Olympischen Spiele 1896 in Athen setzten den Startschuss für den modernen Laufsport. Bereits im 17. und 18. Jahrhundert gab es in England mehrtägige Etappenläufe, sozusagen die ersten Ultra Runs. In den 1960ern entwickelte sich Laufen mit großen Laufveranstaltungen und Städtemarathons zum Breitensport. Heute hat es eine große Bedeutung für das Wirtschafts-, Gesundheits- und Sozialsystem mit allen Vor- und Nachteilen. Doch für mich ist es unzureichend, Laufen als Sport zu sehen. Vielmehr ist es ein angeborenes Bewegungsprogramm, das es seit Millionen von Jahren gibt. Laufen war schon immer da und wird immer da sein. Das macht für mich den Unterschied.

Laufen schafft für mich eine Verbundenheit auf drei Ebenen, der Ich-, Wir- und Natur-Ebene. Unsere Vorfahren mussten spüren können, wie viel und wie weit sie fähig waren zu laufen. Zu rennen war überlebensnotwendig. Laufen passierte intuitiv, ohne Uhr, die Herzfrequenz und Kalorienverbrauch anzeigt. Sie liefen gemeinsam, um sich zu schützen und in der Jagd erfolgreich zu sein. Auch heute ist Laufen eine Möglichkeit, mit sich und seiner Umwelt in Verbindung zu treten. Laufen kann mehr sein als ein Sport, bei dem du auf Distanz, Geschwindigkeit und Herzfrequenz achtest.

Schenke den Signalen deines Körpers Beachtung und handle danach

 

(c) Philipp Reiter

Zurück zur Eingangsfrage: Ist Laufen gesund oder nicht? Die einen lieben es, die anderen können nichts damit anfangen. Du kennst das vielleicht, du bist viel zu spät dran, hast Tasche oder Rucksack und läufst zum Zug, steigst ein und fängst zu schwitzen an. Oder es regnet, du willst nicht nass werden, rennst. Du bist in Eile. Das sind Situationen, die viele, die laufen nicht mögen, damit assoziieren. Und ganz ehrlich, das macht mir auch nicht immer Spaß. Die freudvolle Beziehung zum Laufen fehlt.

Andere wollen zu schnell zu viel. Von null auf hundert. Der Körper kommt nicht nach, Schmerzen werden ignoriert. Gesundheitsförderlich ist das nicht. Schenke den Signalen deines Körpers Beachtung und handle danach. Vor allem, wenn du am Anfang stehst. Ohne Lauferfahrung oder mit hohem Übergewicht ist Laufen im ersten Schritt nicht die passende Bewegungsform. Beginne mit Walking, Spaziergehen. Lass‘ dir Zeit, laufe und dann gehe wieder ein Stück weit. Schritt für Schritt und in aller Ruhe, ohne Druck. Denn grundsätzlich sind das Potential und die Veranlagung für das Laufen in uns.

Zwei Beispiele verdeutlichen, dass eine Pauschalisierung, ob Laufen nun gesund oder ungesund sei, nicht möglich ist. In meine Praxis kam ein sehr sportlicher Läufer, der Marathons in unter drei Stunden lief. Er trainierte viel zu viel, achtete kaum auf Regeneration und auch nicht auf die Schmerzen im rechten Knie. Die Schmerzen wurden konstant mehr und er war sehr gut darin, sie zu ignorieren. Laufen war in dieser Form nicht gesundheitsförderlich. Eine andere Läuferin, sie war dreißig und stark übergewichtig, hatte sich zum Ziel gesetzt, zehn Kilometer zu laufen. Die Ärzte sagten ihr, das werde sie nie schaffen. Sie fing langsam an, gehend, hat abgenommen und begann zu laufen, lief ihre zehn Kilometer. In den letzten zwei Jahren hat sie fast fünfzig Kilo verloren und ihren ersten Halbmarathon hinter sich. Ich habe diese Frau beim Lauftraining kennengelernt und finde ihre Geschichte sehr inspirierend. Sie hat zu ihrer Bewegung gefunden, in ihrem Rhythmus, in ihrem Tempo. Sie hört auf ihren Körper, ihr Training war weder zu schnell noch zu intensiv.

Einige von euch wissen, dass ich sehr viel in den Bergen und im Trailrunning unterwegs bin. Ich liebe es, in den Bergen zu laufen. Da habe ich diese Sätze nicht nur einmal gehört: „Du machst dir deine Knie kaputt. Warte, bis du 40 oder 50 bist, dann wirst du merken, dass es nicht gesund ist.“ Natürlich, kann es genauso sein, wenn ich zu viel trainiere. 2012, als ich anfing, lief ich über hundert Kilometer pro Woche mit zu wenig Regenerationszeit. Bis ich umdachte und begann, auf meinen Körper zu hören.

Wenn du auf die Signale deines Körpers hörst, in die Bewegung hineinwächst, ist Laufen genial. Und genau das, für das der Mensch ausgelegt ist. Entdecke Waldwege, weg vom Asphalt, spüre die Verbindung mit der Natur. Das führt zur nächsten Frage, die zunächst einfach klingt: Warum läufst du? Entdecke mit mir die Essenz des Laufens im Blogbeitrag „Warum läufst du?“.

„Sind wir zum Laufen geboren?“ zum Nachhören in meinem Podcast „Running Free“.